Digitale Behandlungsprozesse in die Versorgung bringen
- nbogdanovadochev
- Dezember 18, 2025
- TECHTALK
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Chronische Erkrankungen bestimmen den Alltag – nicht den Terminkalender. Dennoch ist die medizinische Versorgung bis heute stark an einzelne Arztbesuche gebunden. Was zwischen diesen Terminen passiert, bleibt oft unbeachtet, obwohl gerade dort Unsicherheit entsteht und Therapieentscheidungen im Alltag getroffen werden.
Martin Eberhart, Chief Commercial Officer von Doctor.One, erläutert, warum Kontinuität für die Versorgung chronisch erkrankter Menschen entscheidend ist – und wie sie praktisch umgesetzt werden kann.
Herr Eberhart, warum stößt das klassische, visitenbasierte Versorgungssystem bei chronischen Erkrankungen an seine Grenzen?
Das System ist historisch auf akute Ereignisse ausgerichtet. Für chronische Erkrankungen funktioniert das nur eingeschränkt. Diagnostik und Therapieentscheidungen sind zwar hochqualitativ, aber sie greifen punktuell. Die eigentlichen Herausforderungen entstehen im Alltag zwischen den Terminen – und genau dort fehlt häufig die ärztliche Begleitung.
Worin zeigt sich diese Versorgungslücke besonders deutlich?
Sehr deutlich wird sie bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose. Der Verlauf ist individuell und schwankend, Symptome betreffen nicht nur körperliche Funktionen, sondern auch kognitive und emotionale Ebenen. Viele Patientinnen und Patienten erleben Unsicherheit genau dann, wenn kein Termin ansteht: bei neuen Symptomen, unerklärlicher Müdigkeit oder depressiven Entwicklungen. Diese Symptome beeinträchtigen die Fähigkeit, Therapien konsequent umzusetzen. Selbst wenn der Wille vorhanden ist, fehlt im Alltag oft die Energie oder Struktur. Wenn diese Belastungen erst beim nächsten Arzttermin thematisiert werden, sind wichtige Chancen zur Stabilisierung bereits verpasst.
Was kann die digitale Versorgung hier leisten?
Digitale Versorgung schafft vor allem Kontinuität – nicht als Ersatz für ärztliche Termine, sondern als gezielte Erweiterung der bestehenden Versorgung. Niedrigschwellige, fachlich begleitete Kommunikation kann Unsicherheiten früh abfedern, Orientierung geben und emotionale Stabilität fördern. Das wirkt sich unmittelbar auf die Therapieadhärenz aus.
Bei Doctor.One schaffen wir genau diesen kontinuierlichen medizinischen Begleitprozess. Wir ermöglichen einen dauerhaften Kommunikationsraum zwischen Ärztinnen und Patienten, in dem es um kleine, aber entscheidende Impulse geht: Rückfragen klären, Warnsignale einordnen, Sicherheit geben.
Wir brauchen in Deutschland gezielte Erprobungsräume für digitale, value-based Versorgungsmodelle – insbesondere bei chronischen Erkrankungen.
Warum sind solche Modelle bislang noch nicht flächendeckend etabliert?
Das liegt weniger an der medizinischen Evidenz als an den Strukturen. Das aktuelle Vergütungssystem honoriert kontinuierliche, digitale Begleitung kaum. Dabei zeigen Studien, dass sich die Lebensqualität verbessert und krankheitsbedingte Ausfälle reduzieren lassen. Diese Effekte werden im System bislang nicht systematisch genutzt.
Was braucht es, damit sich das ändert?
Pilotregionen und Mut zur Umsetzung. Wir brauchen in Deutschland gezielte Erprobungsräume für digitale, value-based Versorgungsmodelle – insbesondere bei chronischen Erkrankungen. Nur so lässt sich zeigen, wie moderne Versorgung aussehen kann und welche medizinischen wie ökonomischen Effekte sie tatsächlich erzielt. Denn, wir wissen: Chronische Versorgung gelingt besser mit digitaler Kontinuität. Wenn wir Behandlungsprozesse wirklich in die Versorgung bringen wollen, müssen wir sie in den Alltag integrieren – nicht nur in den nächsten Termin.

Martin Eberhart ist Chief Commercial Officer von Doctor.One. Das Unternehmen wurde 2021 als Medtech-Startup in Warschau gegründet und zählt zu den erfolgreichsten digitalen Versorgungsinitiativen in Polen. Nach Kooperationen unter anderem mit dem Universitätsklinikum in Danzig sowie Programmen mit internationalen Pharmaunternehmen wie Novartis, Novo Nordisk, Merck und AstraZeneca expandiert das Unternehmen in weitere europäische Märkte, darunter auch nach Deutschland.
