Angelika Eggert at Data2Value Executive Dialogue

Mit KI und Kooperationen.

Angelika Eggert möchte die Digitalisierung in die Fläche bringen.

Seit ihrem Amtsantritt im Juni als Ärztliche Direktorin und Vorstandsvorsitzende steht Prof. Dr. Angelika Eggert vor einer zentralen Aufgabe: die Universitätsmedizin Essen digital und strategisch weiterzuentwickeln – in einem System, das wirtschaftlich unter Druck steht. Am Rande des Data2Value Executive Dialogues erklärte die Onkologin, dass sie selbst hohe Erwartungen an eine datengetriebene Versorgung hat und dafür auf Kooperationen und ein Miteinander setzt. Gelernt ist gelernt.

Nach 12 Jahren als Klinikdirektorin der Kinderonkologie an der Charité ist Prof. Dr. Angelika Eggert im Juni in neuer Rolle an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt. Die Universitätsmedizin Essen ist zwar vergleichsweise herausragend gut aufgestellt, wenn man den Digitalisierungsgrad als Benchmark zugrunde legen möchte, dennoch gelten in NRW die gleichen Gesetze und Herausforderungen: steigender ökonomischer Druck, Fachkräftemangel, wachsende Versorgungsansprüche. “Wir stehen an einem Punkt, an dem Universitätsmedizin ohne digitale und datengetriebene Prozesse nicht mehr zukunftsfähig ist”, sagt Eggert. “Die Frage ist nicht, ob wir gestalten, sondern wie schnell.”

Claudia Dirks

Beim Data2Value Executive Dialogue in Berlin sprach die Digital-Health-Journalistin Claudia Dirks mit Angelika Eggert.

Ein Standort mit Vorsprung – und der Aufgabe, diesen in die Fläche zu bringen

Essen gilt als einer der digital fortgeschrittensten Standorte Deutschlands. Die Integration klinischer, bildgebender und molekularer Daten schafft eine Basis, die anderen Häusern fehlt. Doch für Eggert ist dieser Vorsprung vor allem Verpflichtung. “Leuchtturmprojekte sind wichtig, aber sie verändern das System nicht”, sagt sie. “Der echte Kulturwandel entsteht erst, wenn digitale Lösungen den Alltag erreichen – in Ambulanzen, Stationen, OPs und in der Verwaltung.” Ihre ersten 100 Tage nutzte sie daher für unzählige Gespräche entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um zu verstehen, wo Digitalisierung bereits wirkt – und wo sie (noch) an Grenzen stößt.

KI: zwischen Erwartung, Evidenz und Machbarkeit

Eine zentrale Rolle spielt für sie die Künstliche Intelligenz. Radiologie und Pathologie seien hier Vorreiter, doch die nächsten Schritte würden weit darüber hinausgehen. “Wir stehen kurz davor, KI so nutzen zu können, dass sie zuverlässig Muster erkennt, die wir mit dem menschlichen Auge nicht erfassen können”, sagt Eggert. Großes Potenzial sieht sie vor allem für die Präzisionsmedizin, operative Planungen und bei der Entlastung des Personals bei administrativen Prozessen. Doch auch hier ist sie realistisch. “KI ist kein Zauberstab. Sie braucht saubere Daten, klare Prozesse und interdisziplinäre Zusammenarbeit.”

Wir schützen Patientinnen und Patienten manchmal vor Möglichkeiten, die ihnen helfen könnten.

Finanzierung, Datenschutz, Fachkräfte – die systemischen Engpässe

Eggert spart die Hindernisse nicht aus. “Wir haben in Deutschland zu spät und zu wenig investiert”, sagt sie. Während Skandinavien früh auf digitale Infrastruktur setzte, kämpften deutsche Kliniken lange mit Insellösungen und Ressourcenknappheit.
Hinzu komme ein Datenschutzverständnis, das Innovation häufig blockiere. “Wir schützen Patientinnen und Patienten manchmal vor Möglichkeiten, die ihnen helfen könnten”, sagt sie. Entscheidend sei, Nutzen klar zu kommunizieren. “Wenn man gut erklärt, warum Daten relevant sind, verstehen die Menschen das. So schafft Transparenz Vertrauen.”

Kooperation als Prinzip – nicht als Option

Der Blick über den eigenen Campus hinaus ist für sie unverzichtbar. Mit Bochum, Dortmund und weiteren regionalen, außeruniversitären Partnern möchte sie gemeinsame Forschungs- und Innovationsräume stärken. “Allein kommt heute niemand mehr voran – nicht in der Krebsmedizin, nicht in der KI, nicht im Transfer”, sagt die gelernte Onkologin, deren Fachdisziplin nach wie vor ihr strategischer Anker ist. “Ich hätte diese Rolle nicht an einem Standort übernommen, der in der Krebsmedizin nicht exzellent aufgestellt ist.”

Die ersten 100 Tage als Fundament

Ihr Fazit nach den ersten Monaten fällt klar aus: “Die Potenziale sind enorm – aber wir müssen sie jetzt systematisch heben.” Daraus leitet sie auch ihren Kompass für die kommenden Jahre ab: Digitalisierung als Strukturreform, KI als Werkzeug, Kooperation als Haltung. Oder wie sie selbst sagt: “Wenn wir Universitätsmedizin gestalten wollen, müssen wir den Mut haben, die Zukunft wirklich zu bauen – nicht nur darüber zu sprechen.”

Prof. Dr. Angelika Eggert ist Ärztliche Direktorin und Vorstandsvorsitzende der Universitätsmedizin Essen. Zuvor war sie Direktorin der Klinik für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.